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Die verstummte Diskussion

Auch wenn die konventionelle Wissenschaft die Vorstellung einer weltweiten Flut im Laufe der Menschheitsgeschichte ablehnt, kann die Geschichte von Noah und seiner Arche eigentlich nur in Betracht gezogen werden, wenn man von einer wörtlichen Auslegung des biblischen Berichtes ausgeht. Denn nur dann könnte eine Flut, ein Schiff überhaupt auf einen hohen Berg hinauf gehoben haben. Unter Voraussetzung einer lokalen Überschwemmung wäre der Fund von Spuren eines Schiffwracks auf einem Berggipfel äußerst schwierig zu erklären.

Doch um welchen Berg handelt es sich in der Überlieferung überhaupt? Im Zusammenhang mit der Arche Noah ziehen die meisten Bibelleser heute nur noch den Berg Ararat – auch bekannt als »Großer Ararat« oder unter seiner türkischen Bezeichnung »Agri Dagh« – in Betracht. Der verloschene Vulkan türmt sich im Grenzgebiet zwischen der Türkei, Armenien und dem Iran 5137 Meter empor.

Immmer wieder wurden aber auch andere Berge als Kandidaten des Noahbergs diskutiert: zu den bekanntesten gehören die geologische Formation Durupinar ganz in der Nähe des Großen Ararat – und der Berg Cudi am Südosten der Türkei, um den es in dieser Veröffentlichung in der Hauptsache gehen wird.

Durupinar ist benannt nach dem türkischen Luftwaffenkapitän Ilhan Durupinar und die Struktur erinnert tatsächlich an einen Schiffsrumpf. Der Pilot entdeckte die Stelle, als er 1959 für die NATO die Gegend aus der Luft kartografierte. In Google Earth kann man Durupinar bereits seit längerer Zeit in hoher Auflösung erkennen. Der Abenteurer im Indiana-Jones-Look Ron Wyatt hat in diese Fundstelle viel Zeit und Geld investiert und ist nach wie vor von der Authentizität überzeugt. John Morris aber schreibt:

»Die Struktur, die zwischen zwei Hügeln am Rand einer größeren Erhebung ausgebildet ist, entstand, als Erde und Schlamm von den benachbarten Hängen abrutschten; es entstand ein stromlinienförmiges Gebilde. Es sei abschließend gesagt, daß es eine rundum zufriedenstellende geologische Erklärung für diese Struktur gibt und keinerlei Hinweise von archäologischer Bedeutung.« (W+W-Diskussionsbeitrag 2/93)

Als weitere Alternative gibt es noch einen Berg, auf dem die Arche vielleicht einmal gelandet sein könnte: den Berg Cudi. Ist der Ararat also der falsche Berg und daher eine Suche dort von vornherein zum Scheitern verurteilt? Ich glaube das und möchte nun zeigen, warum.

Wie in alten Veröffentlichungen (erreichbar über Google Books) zu lesen ist, gab es z.B. 1744 in dem Werk »Übersetzung der Allgemeinen Welthistorie« von Siegmund Jacob Baumgarten noch die ausführliche Diskussion darüber, wo der Landeplatz der Arche zu suchen sei. Ein ganzes Kapitel ist dem Thema gewidmet: »Eine Untersuchung von der Lage des Gebirges Ararat und den mancherley Meinungen darüber«.

1821 hieß es in der »Urgeschichte der Menschheit in ihrem vollen Umfange« von Friedrich Wilhelm Pustkuchen, dass manche Ausleger den Ararat nicht in der armenischen Provinz Erivan suchen, sondern in den gordiäischen Bergen.

In einem Kommentar zu »Die Reisen des Venezianers Marco Polo« von August Bürck aus dem Jahr 1855 spricht er von einem »Syrischen« und einem »Armenischen« Ararat.

In heutiger Literatur findet man nur noch wenige Beispiele, die sich mit dem Ort der Landung der Arche ausführlicher auseinandersetzen:

»Schließlich lokalisieren Mohammedaner die Archenlandung viel lieber auf dem ein gutes Stück südlich vom Agri Dag gelegenen Berg Dschudi, der einen weiten Ausblick auf die Ebene des Zweistromlandes gewährt.« (Werner Keller: Und die Bibel hat doch recht, Neuausgabe, Auflage von 1991, S. 58)

»Berossos gibt eine andere babylonische Tradition wieder, die Berge der Kordyener (Kurden); so auch Peschitta mit Targum Onkelos: ›auf den Bergen von Qardu‹, Targum Pseudo-Jonathan: ›auf den Bergen von Qardun‹. Diese Berge entsprechen wahrscheinlich dem Jebel Judi, südlich des Van-Sees, den die Einwohner dieses Gebietes als Landeplatz der Arche ansahen; er wird auch im Koran als solcher genannt.« (Claus Westermann: Genesis, 3. Auflage 1983, S. 595)

»Dabei hilft seine [Berossos’] Angabe über das Gebirge der Kordyäer zu einer gewissen Präzisierung: Dieser Berg hat sicher mit dem Gebiet der Corduene, Gordyene oder ähnlich zu tun, das im südlichen Teil des damaligen Armenien (südlich des Van-Sees, in der Südost- Türkei) zu suchen ist. Dem entsprechen dann auch etliche Übersetzungen oder Paraphrasen des AT, wenn sie Ararat mit QRDW wiedergeben. In diesem Bereich sucht dann auch die muslimische Tradition seit oder auch nach Mohammed das Ende des Flutgeschehens (Dschebel al-Dschudi). Noch 1814 wurde ein Reisender von Einheimischen dieser Region darauf verwiesen, dass in der Nähe Noachs Arche zu finden sei.« (Peter Höffken: Zuversicht und Hoffnung in Verbindung mit babylonischer Fluttradition, in Die Sintflut: Zwischen Keilschrift und Kinderbuch, Hrsg: Norbert Clemens Baumgart, Gerhard Ringshausen, 2005)

Warum ist diese Diskussion heutzutage fast verstummt? Meiner Ansicht nach aus zwei Gründen:

  1. Selbst wenn Wissenschaftler eine größere regionale Überschwemmung in der Türkei oder in Mesopotamien als so genannte »Sintflut« noch für möglich halten, ist für nahezu alle ein Ereignis wie der Bau einer großen Arche, wie er in der Bibel (und z.B. im Gilgamesch-Epos) beschrieben wird, völlig ausgeschlossen und gehört in den Bereich der Mythen und Fabeln. Daher befasst sich kaum noch jemand mit der Frage, wo diese »erfundene« Geschichte von Noah und seiner Arche stattgefunden haben könnte. Selbst Alexander und Edith Tollmann, die in ihrem Buch »Und die Sintflut gab es doch« von einer durch Kometeneinschlag verursachten weltweiten Katastrophe ausgehen sind in Bezug auf das in der Bibel berichtete Geschehen der Meinung: »Als Erfindung überführt ist das phantasievolle Beiwerk verschiedenster Art, das sich in ganz unterschiedlicher Weise bei vielen Völkern der Erde um das schreckliche Urerlebnis gerankt hat – im biblischen Fall die schöne, reich ausgeschmückte Legende von Noahs Arche.«
  2. Die Abenteuer und vermeintlichen Funde am Ararat haben über die letzten 100 Jahre so stark die Schlagzeilen zum Thema »Arche Noah« bestimmt, dass alternative Deutungen in den Hintergrund geraten sind. Auch die schiere Größe des Vulkankegels inmitten einer vergleichsweise flachen Landschaft lenkt die Blicke der Archeforscher auf den Großen Ararat.

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