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Ararat oder Cudi – eine Quellenanalyse

Ob die Arche Noah auf dem Berg Cudi oder auf dem Ararat gelandet ist, soll keine Frage danach sein, ob die Bibel recht hat oder nicht. Es geht vielmehr darum, welcher Ort mit der biblischen Bezeichnung »Gebirge Ararat« (1. Mose 8,4) gemeint ist.

Wir können davon ausgehen, dass der Ausdruck Ararat, der in der Bibel noch an drei weiteren Stellen vorkommt (2. Könige 19,37; Jesaja 37,38 und Jeremia 51,27), gleichzusetzen ist mit dem antiken Königreich Urartu, das an den Norden Assyriens grenzte. In seiner größten Ausdehnung umfasste es sowohl den heute als Großen Ararat bekannten Vulkankegel (5137 m hoch) in der Osttürkei nahe der armenischen Grenze, als auch den rund 300 km südwestlich gelegenen Berg Cudi an der türkischen Grenze zu Syrien und zum Irak.

In der Entscheidung zwischen Ararat und Cudi bringt uns der Historiker Flavius Josephus ein Stück weiter. Die biblische Überlieferung gibt er so wieder: »Als dann die Arche in Armenien auf dem Gipfel eines Berges stehen geblieben war, öffnete Noah dieselbe und schöpfte, da er einiges Land sah, daraus neue Hoffnung.« (Jüdische Altertümer, 1. Buch, 3. Kapitel, Abschnitt 5)

Nun hat aber auch Armenien in römischer Zeit beide Berge eingeschlossen. Doch Josephus führt weiter aus (Abschnitt 6): »Es heißt, dass noch jetzt in Armenien auf dem Kordyäergebirge ein Teil jenes Fahrzeuges vorhanden sei, und dass manche Harz davon entnehmen, um sich desselben als Zaubermittels gegen drohende Übel zu bedienen.« Dabei zitiert er den babylonischen Priester Berosus, der im dritten vorchristlichen Jahrhundert lebte und sicherlich bestens mit dem babylonischen Gilgamesch-Epos vertraut war, das eine Sintfluterzählung enthält, die der biblischen verblüffend ähnelt.

Die Angabe »Kordyäergebirge« grenzt die Lage des Noahberges schon deutlich ein: der antike Staat Gordyene lag zwischen Van-See und Tigris, in der heutigen Provinz Sirnak. Und tatsächlich gibt es dort eine tief in der Geschichte und in den verschiedenen Religionen verwurzelte Tradition, die den Berg Cudi als Landeplatz der Arche Noah ansieht. Die Provinzhauptstadt Sirnak hat sogar die zwischen Berggipfeln gestrandete Arche im Wappen.

Eine apokryphe Schrift aus der frühen syrischen Kirche, genannt »die Schatzhöhle«, nennt als Landeplatz der Arche den »Berg Kardo« und der Koran erwähnt schließlich den Berg Cudi: »Und (die Arche) kam auf dem Al-Dschudi zur Rast.« (Sure 11,44) – hier sei allerdings angemerkt, dass es einige weitere Berge gibt, die Dschudi genannt werden, keiner davon ist jedoch mit einer ähnlich starken islamischen Tradition verbunden. Sprachlich sind die Begriffe »Cudi«, »Kardo«, »Gordyene«, »Kordyäer« und auch »Kurdistan« sehr eng miteinander verwandt und es ist ziemlich eindeutig, dass hier nur das Gebirgsmassiv gemeint sein kann, das nördlich der mesopotamischen Ebene jenseits des Tigirs bis auf etwa 2100 m Höhe emporragt.

Noch ein kurzer Exkurs zum bereits erwähnten Gilgamesch-Epos: »Das Schiff trieb nach dem Berge Nissir. Der Berg Nissir hielt das Schiff und ließ es nicht wanken.« Nach neuerer Übersetzung durch Prof. Dr. Stefan Maul heißt der Berg »Nimusch«. Diese Bezeichnung könnte später Berosus an die zu seiner Zeit üblichen Ortsnamen angepasst haben.


Ein Felsrelief mit dem Abbild Sanheribs, aufgenommen 1909 von Gertrude Bell.

Der aus der Bibel bekannte assyrische Herrscher Sanherib hilft uns, die von Berosus hergestellte Verbindung zwischen den unterschiedlichen Ortsnamen in Bibel und Gilgamesch-Epos zu festigen: Rabbi Louis Ginzberg hat am Anfang des 20. Jahrhunderts die gewaltige Aufgabe unternommen, die im Talmud und dem Midrasch verstreuten Erzählungen sowie mündliche Überlieferungen aus dem Judentum in eine chronologische Folge zu bringen. Der jüdische Gelehrte veröffentlichte 1909 sein gewaltiges Werk in mehreren Bänden und beschrieb darin die Geschichte der Juden von Adam bis in frühchristliche Zeit.

In Ginzbergs Werk befindet sich eine interessante Passage, die einen Schlüssel darstellt, um die biblische mit der babylonischen Überlieferung in Einklang zu bringen. Er beschreibt die Situation, als Sanherib vergeblich Jerusalem belagerte – ein Ereignis, das in der Bibel an exakt den zwei Stellen beschrieben ist, an denen der Name Ararat ebenfalls auftaucht: 2. Könige 19,35–37 und Jesaja 37,36–38 berichten in fast demselben Wortlaut, wie Sanherib, der König des damals übermächtigen Weltreichs Assyrien, im Jahr 701 v. Chr. die Stadt Jerusalem belagerte. In der Bibel steht: »Und in dieser Nacht fuhr aus der Engel des HERRN und schlug im Lager von Assyrien hundertfünfundachtzigtausend Mann. Und als man sich früh am Morgen aufmachte, siehe, da lag alles voller Leichen. So brach Sanherib, der König von Assyrien, auf und zog ab, kehrte um und blieb zu Ninive. Und als er anbetete im Haus seines Gottes Nisroch, erschlugen ihn mit dem Schwert seine Söhne Adrammelech und Sarezer, und sie entkamen ins Land Ararat. Und sein Sohn Asarhaddon wurde König an seiner statt.« (2. Könige 19,35–37)

In den »Legenden der Juden« steht nun etwas ausführlicher und mit einem beeindruckenden Zusammenhang zu unserer Fragestellung: »Auf seiner Rückkehr nach Assyrien fand Sanherib eine Holzplanke, die er als ein Götzenbild verehrte, denn sie war ein Teil der Arche, die Noah von der Sintflut rettete. Er versprach, dass er seine Söhne opfern würde, wenn seine nächsten Unternehmungen gelingen würden. Aber seine Söhne lauschten seinem Gelübde. Sie töteten ihren Vater und flohen nach Kardu, wo sie zahlreiche jüdische Gefangenen befreiten. Mit diesen zogen sie nach Jerusalem und wurden Proselyten (d.h. sie konvertierten zum Judentum). Die berühmten Gelehrten Shemaiah und Abtalion waren Nachkommen dieser beiden Söhne des Sanherib.«

Zweierlei ist hier also wichtig: Die Söhne Sanheribs flohen nicht wie in der Bibel ins Land Ararat, sondern nach Kardu. Hier beschreiben also die späteren Quellen den Ort präziser und zeitgemäßer, denn das Königreich Urartu war spätestens im 5. Jahrhundert vor Christus nur mehr eine Provinz des persischen Großreiches. Sie fliehen also genau dorthin, wo der Berg Cudi liegt.

Dieser Abschnitt zeigt darüber hinaus einen überraschenden Zusammenhang zwischen der biblischen Noah-Geschichte und dem Gilgamesch-Epos: Der Berg der Sintflut heißt im Epos Ni-ssir oder neuer übersetzt Ni-musch. Der Gott, den Sanherib nach der Bibel anbetete, hieß Ni-sroch und laut den jüdischen Legenden ist damit evtl. die Planke der Arche gemeint. Und direkt am Berg Cudi wiederum befinden sich assyrische Felsreliefs mit Sanheribs Abbild und Inschriften, die den Berg als Ni-pur bezeichnen. Schon allein die Tatsache, dass sich diese Reliefs am Berg Cudi befinden, zeugen von seiner Bedeutung schon in frühen Zeiten. Der Berg Cudi scheint also ein sehr viel besserer Kandidat zu sein für den Landeplatz Noahs, als es der berühmte Ararat ist.

Weitere Informationen zu meinen Forschungen über den Berg Cudi finden Sie im Internet unter ​​www.noahs-berg.de. Noch mehr biblische Stätten werden in meinem Buch »Bible Earth« beschrieben, das für 9,95 € im Buchhandel erhältlich ist.

© 16. Juni 2009, Timo Roller


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